Alfred "Spezi" Schaffer - Der Fussballkönig

Alfred "Spezi" Schaffer,
der Fußballkönig

 

In Prien am Chiemsee, am Fuße der Chiemgauer Berge, stehen zwei Ortsfremde zwischen den in Gärten weißblitzenden Häusern. Es sind ältere Männer. Sie zeigen Unrast in ihren Mienen, und im Herzen nagt das Heimweh. Die zwei schauen Kindern zu, die Fußball spielen. Etwas versunken stehen sie da und gucken, so wie sie vor vielen Jahren den großen Spielen des MTK Budapest oder Ferencvaros zusahen. Nur sind sie inzwischen um vieles müder geworden. . . und vielleicht auch gleichgültiger.

Dann fragen sie im gebrochenen Ungardeutsch mit breitem, behäbigem Akzent nach einem Namen, der deutsch klingt. Doch die Buben kennen ihn nicht und spielen weiterhin Fußball.

Da kommt ein Mann mittleren Alters des Weges. Den fragen die beiden noch unschlüssiger, noch zaghafter, und der Mann stutzt. "Alfred Schaffer?" Über sein Gesicht läuft ein Zucken, ein Verstehen, und er zeigt mit einer Handbewegung die Dorfstraße hoch, zum Friedhof hin. Hier hat der „ruhelose Fußballkönig", wie man den großen Alfred Schaffer nannte, seinen letzten Frieden gefunden.

Alfred Schaffer hat den Schluss des Krieges noch erlebt, und er, dessen ganzes Dasein einem unaufhörlichen Treck glich, starb auch in der größten aller Völkerwanderungen, die Europa je überflutet hat. So ist er in der unruhigsten Zeit kurz nach dem Kriege in einem stillen Ort des Chiemgaues, an der Bahnstrecke München-Salzburg, zur Ruhe gekommen.

Ist es Zufall? Es ist, als müsse Alfred Schaffer dort begraben liegen, wo er noch etwas vom Rattern der Räder hört. Das Rattern der Eisenbahnräder gehörte zum Lebensrhythmus dieses Gentleman des Reisens, dieses Bonvivants, dieses unvergessenen Fußballers, der schon zu Lebzeiten eine legendäre Gestalt geworden ist. Er war kein Amateur.

Er war Vollprofessional zu einer Zeit, als es in Deutschland weder Vertragsfußball noch sonst eine berufsspielerähnliche Institution gab. Da zog Alfred Schaffer schon viel Geld aus seinem Sport.

Ihm gelang alles, was er sich vornahm. Er schoss Tore, wenn es seine Mannschaft brauchte. Er ließ den Ball und damit die Gegner laufen und lief selbst am wenigsten. Und er blieb immer ein Grandseigneur.

Der "Fußballkönig" wohnte in den besten Hotels. Das Hotel war sein Zuhause und der Inbegriff seiner Unrast, die ihn durch alle Länder trieb, immer hinter dem Ball her.

Er gehörte dem MTK Budapest an, und Ungarns Fußball hatte einen guten Ruf. Er lebte lange in Prag, und dort lüftet man unter Fußballanhängern immer noch den Hut, wenn einer den Namen Alfred Schaffer ausspricht. Das will viel heißen, denn in Prag hat man viele gute Fußballer erlebt.

Budapest, Nürnberg, Basel, München, Prag und Rom waren nur einige Stationen seines ruhelosen und bewegten Lebens. Wenn Alfred Schaffer einen Vertrag als Spielertrainer abschloss, dachte er vielleicht noch gar nicht an die nächste Etappe. Eines Tages zog es ihn doch weiter, denn die Welt war für ihn genauso groß wie für den Kontinente umfassenden Fußball, dem er sein Leben verschrieben hatte.

Alfred Schaffer war nur ein halbes Jahr beim 1. FC Nürnberg, schon damals einer der berühmtesten deutschen Fußballklubs. Er spielte Mittelstürmer. Hans Kalb stand auf dem Mittelläuferposten, und das Tor hütete Deutschlands berühmtester Torhüter überhaupt, Heiner Stuhlfauth.

Über die Zeit beim „Club“ schreibt Dr. Theo Riegler in seinem Buch „Als Stuhlfauth noch im Tor stand“ folgendes: " Welch ein Zuwachs für den „Club“! Schaffer, der große Magier des runden Leders und Fußballrastelli, verrät den Nürnbergern als Lehrmeister sein Geheimrezept. Unter seiner faszinierenden Regie entsteht ein wunderbares Mannschaftsgefüge, das einem feinen, gutgeölten Räderwerk gleicht, einer Präzisionsmaschine. Jeder Spieler wird auf den anderen abgestimmt, jeder spürt instinktiv, was sein Nebenmann will. Schaffer lehrt, wie man aufgrund einer flüssigen und durchdachten Kombination mit mathematischer Sicherheit exakte und elegante Tore schießt, wie man Vorteile erzielt, ohne Kraft zu vergeuden, wie es auf das richtige Stellungsspiel ankommt, um zählbare Erfolge zu ernten. Dieser wendige Riese, der als Künstler des Rasens das Spiel mit dem Ball virtuos beherrscht, ist ein Fußballdenker, der mit einem Minimum an körperlichem Aufwand ein Maximum an Wirkung erzielt. Stuhlfauth sagt über ihn: "Schaffer hatte nicht den Ehrgeiz, viele Tore zu schießen, aber er hat seine Nebenspieler so bedient, dass sie Tore schießen konnten, wie sie wollten.“ Er selbst hat wenig Tore geschossen, aber wenn er geschossen hat, dann war es bestimmt ein Tor! Der Spezi (so hieß Schaffer im Volksmund) hat einen Kanonenschuss gehabt! Bei einem Spiel gegen Spielvereinigung Fürth schoss er so scharf und schnell, dass der Schiedsrichter das Tor nicht gesehen hat. Der einzige Beweis war der Abdruck des feuchten Balles auf dem Hinterpfosten.«

Bei einem Kampf gegen Kickers Offenbach ist der Platz mit tiefen und schlammigen Pfützen übersät, da es den ganzen Tag in Strömen geregnet hat. Vor Stuhlfauths Tor ist eine Pfütze so groß wie der 16-Meter-Strafraum. Jedes Mal, wenn der Ball in die Pfütze hineinfällt und liegen bleibt, rennen, die gegnerischen Stürmer hinein, um ihn zu holen. Alfred Schaffer, der nicht nass werden möchte, wartet im Trockenen, bis die Offenbacher den Ball herausfischen, und wenn sie ihn wie begossene Pudel „an Land“ bugsieren, schnappt er ihnen das Leder in aller Seelenruhe so blitzschnell weg, dass sie es gar nicht merken. Als einmal ein Offenbacher bei ihm den Ball vermutet, gibt er mit seinem ungarischen Akzent lächelnd zur Antwort: Was wollns' denn von mir? Der Bolln is doch ganz drüben!"

Alfred Schaffer hat viel Geld verdient und viel ausgegeben. Wie konnte es anders sein bei einem Grandseigneur des Fußballspiels, zu dem sich die Mitspieler scheuten „Du“ zu sagen, weil sie spürten, hier war einer, der war anders als sie - ein bedeutender Mensch. Wenn er auch nur Fußball spielte und sonst nichts weiter tat als das viele Geld wieder auszugeben, das er mit seinem Fußballspiel verdiente.

Sein Individualismus, seine Eigenwilligkeit trugen Alfred Schaffer nach oben.

Noch während des zweiten Weltkrieges brachte er AS Rom zu Meisterehren. Der AS Rom war bis dahin in seiner langen Geschichte nur einmal Meister geworden: eben unter Alfred Schaffer.

Alfred Schaffer musste Fußball spielen, wie Rastelli jonglieren musste. Mit 13 Jahren stand er schon ganz im Banne des Fußballs. Sein Verstand, sein Temperament sagten ihm, dass dieser Ball beherrscht werden musste, mit einer Fußball-Artistik, deren Beweggründe sein künstlerisches Empfinden war, denn der „Fußballkönig“ war ein ästhetischer Mensch.

Alfred Schaffer stammte aus einfachen Verhältnissen. Er spielte in den Vorstädten Budapests Fußball und faszinierte das ärmliche Publikum wie er später die Reichen verhexte.

Die weltweite Seele schlummerte schon in des kleinen Alfred Schaffers Brust, und er war selbstsicher, er wusste, er würde nicht zugrunde gehen. An dieser Welt nicht, eher die Welt an ihm. Und er brachte etwas mit, was zu seinen Talent passte. Er war nicht portalscheu. Und weil er das nicht war, und weil er wusste, was für Menschen zweiten Grades zu seiner Zeit in England die Fußballer waren, verachtete er sie. Er, Alfred Schaffer, war ein Herr vom Scheitel bis zur Sohle. Er hatte auf den Hinterhöfen, auf den Nebenstraßen Fußball gespielt, aber in die Gesellschaft trat er durch das große Tor ein, durch das Portal. Als wäre er schon immer dort aus und ein gegangen.

Was gab man damals in der Gesellschaft schon auf Fußball! Und wer hätte etwa daran gedacht, dass man mit Fußball einmal sein Glück machen konnte.

Wenn Alfred Schaffer in Prag im Esplanade saß, drückten draußen die Passanten die Nasen an den Scheiben platt und stießen sich an: "Da seht hin, da sitzt er, Alfred Schaffer, der Fußballkönig."

Er hätte ebenso Audienz halten können. Auf dem Spielfeld tat er es und war der über allem stehende Zauberer, der die Bälle verteilte. jeder bekam von seiner Virtuosität etwas ab.

Er wusste genau, dass er ein Künstler war. Für ihn bedeutete das Fußballspiel eine ebenso begnadete Kunst wie z. B. das Spiel mit der Violine.

Blond, blauäugig, fast satt und behäbig anzuschauen, verteilte er auf dem Fußballfeld die Bälle wie ein guter Regisseur im Theater die Rollen.

Er wusste, dass er die ewige Jugend nicht besaß, und er wusste, wie peinlich es für Zuschauer und Mitspieler ist, wenn ein berühmter Fußballer, der alt geworden ist, nicht abtreten will. Alfred Schaffer trat rechtzeitig ab und blieb nur noch Trainer.

Er kam mutterseelenallein nach Prien am Chiemsee, wie er immer schon mutterseelenallein umhergezogen war.

,Ein Fußballkönig?" Die Leute hatten damals andere Sorgen. und so starb Alfred Schaffer einsam, auf dem Weg nach München, wo er sich ansiedeln wollte, wo er bereits einmal bei Wacker spielte.