Aus dem Internetlexikon der Clubspieler

ALFRED SCHAFFER - www.glubberer.de

Abbildung entnommen aus Bausenwein u.a.: Die Legende vom Club

geboren am 13. Februar 1893 in Pressburg; gestorben am 30. August 1945 in Prien am Chiemsee.

Schaffer absolvierte von 1919 bis 1920 25 Spiele für den 1. FCN.

Der in Pressburg geborene Ausnahmespieler war als Mittelstürmer nicht nur der Mittelpunkt des Sturms des MTK Budapest, mit dem er am 22. Juli 1919 in Nürnberg gastierte und den Cluberern eine 0:3-Niederlage beibrachte, er war auch der erste große Star, der in Deutschland seine Fußballstiefel schnürte. Zudem darf er als erster Vollprofi auf dem europäischen Kontinent angesehen werden.

Schaffer war sowohl in fußballerischer wie auch in körperlicher Hinsicht der größte Mittelstürmer seiner Zeit. Der berühmte Fußballautor Richard Kirn schildert ihn folgendermaßen: “Ein Ungar zwar, doch nicht, wie man sich Ungarn gemeinhin vorstellt: blondlockig, breit, behäbig. Wenn er die bayerische Tracht trägt, die kurze Wichs, dann sieht er aus wie ein Sennbub aus einem Ganghoferroman. Er bewegt sich auf dem Feld fast langsam, aber er geht mit dem Ball um, dass das ganze Spiel um ihn herum zu tanzen beginnt - und wenn er schießt: Er hat einen erschreckenden Schuss!”

Ein Wiener Fußballlexikon nannte ihn den “wohl attraktivsten europäischen Spieler seiner Zeit”. Der Frauenschwarm wollte nicht nur am Ball, sondern auch mit einem sauberen Trikot glänzen. Als der Ball einmal bei einem Spiel in einer Pfütze liegen blieb, wartete er, bis der Gegner ihn herausgeholt hatte, um diesem dann das Leder lässig vom Fuß zu spitzeln.

In einer Zeit, als es noch keinen Fußballprofessionalismus gab, zog der dem angenehmen Leben nicht abgeneigte Schaffer immer dorthin, wo es dennoch etwas zu verdienen gab. Außer bei MTK Budapest und beim Club machte er noch bei vielen Vereinen in ganz Europa Station: beim FC Basel, bei Wacker München, bei den Wiener Amateuren, bei Sparta Prag. Später war er auch als Trainer wanderfreudig und recht erfolgreich. Unter anderem erreichte er 1934 mit dem Club die Vizemeisterschaft. Er war jedenfalls eine der ersten schillernden Figuren des kontinentalen Fußballs und lieferte viel Stoff für Anekdoten und Geschichten.

Schon zu seiner Zeit in Budapest wollte er nur solange die Fußballstiefel schnüren, wie ihm der Verein auch entsprechende Einnahmen zusichern konnte. Der Vorstand schanzte ihm daher ein Geschäft zu, damit er seine Existenz sichern könne. Schaffer aber hatte nichts Besseres zu tun, als ein Schild mit der Aufschrift “Geschlossen” an die Tür zu hängen und sich ins nächste Lokal zu setzen. Als ihn die Klubvorstände beschworen, doch endlich den Laden zu öffnen, reagierte er mit einer verblüffenden Logik: “Ist sich Schaffer ein Fußballer oder Geschäftsmann? Bittä sähr, er ist sich Fußballer. Wos soll er machen mit einer Geschäft? Muss er doch sein jeder Tag am Fußballplatz, bittä sähr!”

Dieser phänomenale Spieler, der mit MTK Budapest sechsmal ungarischer Meister geworden war, schloss sich völlig überraschend nach der Europatournee des MTK Budapest, bei der die Ungarn alles schlugen, was sich ihnen in den Weg stellte, dem 1. FCN an. Mit ihm kam der beste Mittelstürmer nach Nürnberg, den man bis dahin gesehen hatte, ein Spieler, der gleichzeitig als Trainer wirkte und die aufstrebende Clubmannschaft in die Geheimnisse ungarischer Fußballkunst einweihte. Er übte mit den Clubspielern das Stoppen, Passen und Schießen. Er führte ihnen das Repertoire seiner Täuschungsmanöver vor und zeigte ihnen, wie man auf der Grundlage durchdachten Stellungsspiels mit einem Minimum an körperlichem Aufwand ein Maximum an Wirkung erzielen kann.

Besondere Übungsstunden hielt er mit dem jungen Hans Kalb ab, als dessen Entdecker er gilt. Er förderte dessen Technik, seine Beweglichkeit und seine Gewandtheit, bis er das beidfüßige Fußballspiel wie im Traum beherrschte. Während er die Flügelspieler anwies, vorne zu lauern und sich freizulaufen, machte er Kalb vor, wie man schnelle Mitspieler mit langen Steil- und Diagonalpässen effektiv einsetzen kann.

Schaffer galt in seiner Zeit als ein derart herausragender Ballvirtuose, dass ihm der Herausgeber der Zeitschrift “Fußball” kurzerhand den Titel “Fußballkönig” verpasste.

So wenig seine fußballerischen Qualitäten bezweifelt wurden, so sehr gehen jedoch die Meinungen darüber auseinander, wie weit der Ungar auf die Qualität des Clubspiels Einfluss nehmen konnte. Für den keineswegs bescheidenen Schaffer selbst war klar, dass ihm der Club im Grunde alles zu verdanken hatte. In einem Interview für eine ungarische Sportzeitung sagte er: “Man hat mich in Nürnberg direkt vergöttert, und die Mannschaft, die bisher eine unbedeutende Rolle im deutschen Fußball spielte, hat schon im ersten Jahr, als ich dort Amateurtrainer war, nicht nur die süddeutsche, sondern auch die Reichsmeisterschaft gewonnen.”

Eingefleischte Nürnberger wie Hans Hofmann sahen die Dinge freilich ganz anders: “Unser Club hat, bevor Schaffer nach Nürnberg kam, mehrmals die süddeutsche Meisterschaft gewonnen, außerdem auch den ‘Eisernen Fußball', die Kriegsmeisterschaft. Kalb war bereits entdeckt und hat in der ersten Mannschaft mehrmals als Stürmer gespielt, später dann aushilfsweise als Außenläufer. Unsere alten Spieler, wie sie seit Jahren in unserer Mannschaft stehen, haben von Schaffer nichts geerbt, sie spielen heute noch den Stil wie vor der Schafferperiode. Sie haben es lediglich verstanden, sich dem phänomenalen Können Schaffers als Mittelstürmer anzupassen, wie sie sich zuvor dem fast gleichwertigen Spiel unseres Böß angepasst haben. Wir wollen es dem Herrn Schaffer nicht vergessen, dass er während seiner fünfmonatigen Tätigkeit bei uns ersprießliche Dienste geleistet hat, wir werden es aber auch nie vergessen, dass uns Schaffer bei dem Beginn der Spiele um die Süddeutsche Meisterschaft schnöde verlassen hat.”

Einen Kompromiss zwischen beiden Meinungen vertritt der Clubarchivar Andreas Weiß. Er sagt, Hans Kalb sei vor Schaffer lediglich als Reservespieler aufgeboten gewesen, der Spezi habe aber sein Talent erst erkannt und ihn zum Klassespieler geformt. Zwar habe der Ungar nur wenige Monate das Clubtrikot getragen, “doch seine Fußballkunst hatte das Clubspiel derart befruchtet, dass auch ohne sein Mitwirken die deutsche Meisterschaft nach Zabo geholt werden konnte.”

Wie dem auch sei, fest steht, dass Hans Kalb und später auch Georg Hochgesang sowie Seppl Schmitt ganz dem Stil ihres großen Vorbilds Schaffer nacheiferten. Der “Geist Schaffers” wehte noch lange im Zabo.

1920 munkelte man, der DFB wolle Schaffer zum Profi erklären und deshalb sperren. Gott sei Dank war das Thema aber bald wieder ad acta gelegt.

Nach nur fünf Monaten verließ er den Zabo in Richtung Basel, wo er sich an den Einnahmen des Vereins prozentual beteiligen ließ. Die Zuschauer strömten in Scharen herbei und Schaffer verdiente. Da trat der Vorstand an ihn heran: “Unsere frühere Vereinbarung können wir nicht mehr einhalten, sie verdienen sonst noch mehr als unser Bundespräsident.” Darauf entgegnete Schaffer: “Ja, einen neuen Bundespräsident können Sie alle Tag wählen, aber an neuen Fußballkönig kriegn's so schnell nimmer.”

Ende 1920 wurde er von Wacker München eingekauft. Weil er als ausländischer Berufsspieler galt, verweigerte ihm der DFB jedoch die Spielerlaubnis. Wacker beschäftigte ihn deshalb zunächst als Trainer. Dann erschien in der Zeitschrift “Fußball” eine fingierte Verlobungsanzeige von Schaffer mit der Schwester des Wacker-Tormanns Bernstein. Diese Schwester Olga gab es zwar nicht, aber der DFB war überlistet und Schaffer erhielt als Verlobter ein Aufenthaltsrecht. Bezahlt wurde er aus einer schwarzen Kasse. Wacker München wurde kurz darauf die bayerische Fußballsensation und drang nach einem beispiellosen Siegeszug in der Meisterschaftsendrunde 1922 bis ins Halbfinale vor.

Bei den Wiener Amateuren, wo er 1922 anheuerte, erwies sich der Fußballkönig auch als Wettkönig. Oft rannte er während eines Spiels zur Ehrentribüne und wendete sich mit folgenden Worten an einen der dort sitzenden vermögenden Herren: “Ich wette, dass ich jetzt das Siegtor schießen werde. Wer setzt dagegen?” Fast immer gewann Schaffer. Angesagte Tore galten fortan als seine besondere Spezialität.

Nach einem Intermezzo bei Sparta Prag und einem Abstecher nach New York erhielt Schaffer im Jahr 1929 ein Telegramm aus Wien. Absender war der Vorstand der Austria. Der Verein, der bis 1926 Wiener Amateure hieß, wollte seinen ehemaligen Starspieler erneut verpflichten. Schaffer antwortete: “Komme mit tausend Freuden. Monatsgage zweitausend Schilling.” Schlagfertig tickerte es kurz darauf aus Wien zurück: “Kommen Sie mit zweitausend Freuden. Monatsgage tausend Schilling.” Schaffer gab klein bei und kam tatsächlich für die Hälfte des geforderten Preises nach Wien.

Zur Winterpause 1933/34 übernahm Schaffer den Club als Trainer. Er begann seine Tätigkeit mit den Worten: “Bittä, kann ich nicht zaubern. Gebt mir gute Mannschaft und ich trainiere!” Als Klassespieler war er bewundert worden, aber als Trainer war der Ungar mit seiner etwas laschen Berufsauffassung nicht ganz unumstritten. Besonders wenn er im Clubheim beim Kartenspiel saß, wollte er durch unangenehme Trainingsarbeit nicht gestört werden. “Laufts a Rundn”, sagte er dann zu seinen Spielern. So beendete er üblicherweise auch jede Trainingseinheit. Schon halb im Weggehen rief er besagtes “Geht's, lauft's noch eine Runde!” und setzte sich ins Vereinsheim, um ungestört seinen Mokka zu trinken. In ihm steckte eben noch ein gutes Stück der alten k. u. k.-Mentalität, die sich das Leben so bequem wie nur möglich zu machen versuchte. Dementsprechend hielt er auch nichts von Konditionstraining. Doch unter dem Strich brachte Schaffer den Club vorwärts. “Mit ihm kam der Erfolg”, heißt es in der Vereinschronik, denn Schaffer brachte den Verein 1934 nach einer langen Pause wieder ins Finale um die deutsche Meisterschaft gegen Schalke 04.

Der liebenswürdige Ungar war aber nicht nur ein begnadeter Fußballspieler und Trainer, sondern auch eine Seele von einem Menschen. Am wohlsten fühlte sich der unkomplizierte Naturbursche, wenn er in einer speckigen Lederhose und mit hochgekrempelten Hemdsärmeln an einem blankgescheuerten Wirtshaustisch saß, eine Riesenportion Preßack und eine Maß Bier vor sich hatte und von einer geselligen Runde umgeben war, die er großzügig bewirten konnte. Er hatte eine besondere Vorliebe für Altnürnberger Lokale, in denen Butzenscheiben, Zinnkrüge und dunkle Holztäfelungen für eine gemütliche Stimmung sorgten. Abends steuerte er gerne idyllische Weinlokale an, trank einen Schoppen nach dem anderen und unterhielt die ganze Gesellschaft.

Am glücklichsten war er, wenn er einem anderen eine Freude bereiten konnte. Die Kinder seiner finanziell nicht so gut gestellten Bekannten hielten ihn wahrscheinlich für eine Art Weihnachtsmann, denn er überhäufte sie mit Geschenken. Und dass er Spieler, die arbeitslos waren, häufig freihielt, war für ihn Ehrensache.

Einmal zeigte ihm sein Lieblingsschüler Seppl Schmitt in einer fröhlichen Stammtischrunde einen Ring, den er zu einem Jubiläum bekommen hatte. Schaffer musterte ihn mit der kritischen Miene eines Sachverständigen und warf ihn kurzerhand zum Fenster hinaus. Der Tischrunde blieb vor Schreck der Mund offen stehen. Aber er beschwichtigte sie: “Wos is? Stein war sich nur Lapislazuli. Ist sich nicht schad drum. Aber Schaffer wird machen auf seine Goldkiste und wird schenken seine Freund Ring aus echtem Gold.” Selbstverständlich hielt er Wort. Seppl Schmitt hielt den Ring ein Leben lang in Ehren.

Im Jahr darauf heißt der Trainer des Club Dr. Michalke. Unter ihm gewinnt die Mannschaft den Tschammer-Pokal, der der Vorläufer des DFB-Pokals war. Nach dem Sieg über Schalke 04 telegrafiert Michalke an Schaffer: “Herr Schaffer, ich gratuliere. Das war Ihr Erfolg.”