ALFRED SCHAFFER „Bin ich König von Fußball"
Von Heinz Ott (aus: „Die Großen im Sturm“, Hrsg: Karl-Heinz Huba, Copress-Verlag München, 1971)
Den 30 000 auf den Rängen des Zabo, wie alle Welt den Platz des 1. FC Nürnberg im Vorort Zerzabelshof nannte, verschlug's die Sprache. Sie hatten schon manche große Elf gesehen. Aber was sich an jenem warmen Juni-Abend vor ihren Augen abspielte, war die reinste Hexerei. Es war das faszinierendste Schauspiel, das je über die Fußballbühne der alten Noris ging. Der „Club", mit dem untersetzten, kraftstrotzenden Schweizer Gustl Bark als Mannschaftskapitän, kämpfte, als ginge es um die Existenz.
Aber es war ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Die anderen machten, was sie wollten, sie spielten mit den Nürnbergern Katz und Maus. Dass es zuletzt nur 3:0 für diese Ballzauberer im blau-weiß gestreiften Dress hieß, hatte die „Club"Elf einzig und allein ihrem Torwart, Heiner Stuhlfaut, zu verdanken. Er warf sich mutig immer wieder ins Getümmel und schien tausend Hände zu haben. Ohne ihn hätte es wohl eine zweistellige Packung für den „Club" gegeben.
Einer aus der Elf des MTK Budapest, der im Zabo zauberte, tat es den Zuschauern besonders an. Er war groß und kräftig gewachsen, besaß eine ideale Athletenfigur, war blond und blauäugig, kniff stets das linke Auge etwas zu und bewegte sich mit einer geradezu aufreizenden Nonchalance. Der Mann spielte Mittelstürmer und hieß Alfred Schaff er.
Er tat keinen Schritt zuviel und sah nie auf den Ball. Er besaß offenbar jedoch einen sechsten Sinn für Fussball, stand stets frei, ließ sich durch keine noch so scharfe Attacke aus der Ruhe bringen und fand, listenreich und raffiniert, immer wieder ein Mittel, um seine Gegner hinters Licht zu führen.
Mit dem krummbeinigen Schlosser und dem eleganten Mandel zusammen bildete er ein Innentrio, das der „Club"-Verteidigung immer neue Rätsel aufgab. Die Ungarn tanzten abwechselnd Walzer und Csardas und kombinierten traumhaft sicher. Alfred Schaff er aber war stets der Mittelpunkt. Er war eine nie versiegende Quelle verblüffender Einfälle, war Steuermann und Lotse in einer Person und zugleich Einfädler und Vollstrecker. Wer ihn mit dem Leder jonglieren sah, traute seinen Augen nicht. Es war einfach phantastisch, was er damit anzustellen wusste.
Wenige Wochen später kündigten Plakate ein Freundschaftsspiel des 1. FC Nürnberg mit Alfred Schaff er, „dem ungarischen Fußballkönig", als Mittelstürmer des „Club" an. Es war kein Reklametrick, wie es scheinen konnte. „Spezi", wie er später nur noch genannt wurde, schlüpfte wirklich in den rot-weißen „Club"Dress. Er hatte mit dem MTK noch dessen grandiosen Triumphzug durch Süddeutschland mitgemacht, wo die Elf überall stürmisch gefeiert wurde, und hatte sich, nach einer neuen, mitreißenden Demonstration ihrer Fußballkunst, zusammen mit seinem Teamkameraden Peter Szabo dem „Club" angeschlossen. Schaffer tat es weder weil ihm die Nürnberger Rostbratwürste so gut schmeckten noch weil es ihm in Heiner Stuhlfauts Sebaldus-Klause, einer uralten Weinstube, so gut gefiel. Er blieb, weil er 'rauswollte aus den ärmlichen Verhältnissen, in denen er in Budapest aufgewachsen war. Er hatte die Volksschule besucht und sich in allen möglichen Berufen versucht. Aber er war kein Freund geregelter Arbeit. Er war Fußballspieler und wollte nichts anderes sein. In Budapest war zu jener Zeit, unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, mit dem Fußballtalent jedoch nichts oder doch nur wenig zu verdienen. Die Konkurrenz war groß und das wirtschaftliche Elend noch größer.
Auch in Deutschland sah es damals nicht zum besten aus. Aber es war doch ein himmelweiter Unterschied. Alfred Schaffer und seine Kameraden mussten ihre sieben Zwetschgen in Pappkartons verstauen, als sie zu ihrer Deutschlandtournee aufbrachen, und wer sie in Zivil sah, war geneigt, den Fußballkönig und seinen Hofstaat für Landstreicher zu halten.
In Nürnberg wurden er und der listige Szabo, ein Linksaußen, der ungezählte Tricks auf Lager hatte, zunächst einmal von Kopf bis Fuß neu eingekleidet, und auch über ihr „Taschengeld" brauchten sich die beiden nicht zu beklagen. Offiziell war es zwar verboten, ihnen Geld zu geben. Aber auch damals gab es schon ungezählte Möglichkeiten, dem Amateurstatut ein Schnippchen zu schlagen. Schaffer selbst verriet nie, was er vom „Club" kassierte. Diskretion war für den PseudoAmateur, der sich selbst den Titel „Spieler-Trainer" gab, Ehrensache. Im vertrauten Kreis konnte es allerdings schon einmal passieren, dass er den Schleier etwas lüftete: „Waren heite nacht wiedärr Heinzelmännchen bei mir", erzählte er einmal in lustigem Ungarn-Deutsch, als er etwas zu tief ins Glas geschaut hatte. „Hab ich gemacht Schubkastl von Nachttischchen auf und woos, bittaschön, war darinnän? Dreihundert Mark."
Schaffers Debüt in der „Club"-Elf wurde kein rauschendes Fest. Heiner Träg, der wuchtige Torjäger, und Luitpold Popp, der drahtige Halbrechte, fanden zuerst keinen Kontakt mit dem „Mausfallen-Händler", wie Träg anfangs den ungarischen Fußballkönig geringschätzig zu nennen pflegte.
Aber schon bald klappte der Laden. Mit Schaffer als dem Schlachtenlenker und Torschützen wurde der „Club"-Sturm zu einer wahren Tore-Fabrik, und die bayerischen Fußballfelder verwandelten sich in Schiessbuden. Wo immer der „Club" mit ihm aufkreuzte, gab es Massenbesuch, und die Torhüter zitterten.
Der Fürther Polensky, 1913 mit den „Kleeblättlern" Deutscher Meister geworden und seit Kriegsende Schlussmann des MTV Fürth, hatte solche Angst vor dem „Spezi", dass ihm die Knie schlotterten, als der „Club" zum fälligen Punktespiel erschien. Als Schaffer jedoch nach einem herrlichen Alleingang das Leder über die Latte hob, schlug seine Furcht in einen Freudenausbruch um. Er schlug vor lauter Begeisterung einen Purzelbaum und drehte Schaffer eine lange Nase.
Der rächte sich dann auf seine Art. Wieder startete er von der Spielfeldmitte aus zu einem seiner Slalomläufe. Er umdribbelte drei Fürther, lockte Polensky aus seinem Kasten, ging auch spielend leicht an diesem vorbei und spazierte mit dem Ball am Fuß ins Tor. Im Zurücklaufen klopfte er Polensky auf die Schultern und rief ihm zu: „Sind wir wiedärr quitt!"
In diesem Spiel gab ein langaufgeschossener, etwas hüftsteifer junger Mann seinen Einstand in der „Club"-Elf. Er war Student der Zahnmedizin und hieß Hans Kalb. Ihn hatte der „Spezi" von dem Tag an, an dem er ihn kennenlernte, in sein Herz geschlossen. Warum, wusste er selbst nicht. Vielleicht weil der Student der gleiche Bohemien war wie er, und weil auch Kalb ein unwahrscheinliches Ballgefühl besaß.
Kalb hatte bis dahin nur in der Reserve-Elf gespielt, freilich ohne viel Erfolg. Als Halbstürmer war er einfach nicht geschmeidig und flink genug. „Ist großes Talent", urteilte Schaffer, als er Kalb zum erstenmal spielen sah, „steht aber auf falschem Platz." Nur mit Mühe gelang es ihm, die Aufstellung des Studenten durchzusetzen. Erst als er mit seiner sofortigen Abreise drohte, willigte man ein. Die Zukunft gab dem „Spezi" recht. Aus seiner Entdeckung und seinem Lieblingsschüler wurde der größte Mittelläufer, den der deutsche Fussball je besaß.
Alfred Schaffer hielt es nicht sehr lange in Nürnberg. Als der „Club" bayerischer Meister geworden war und sich für die Endrunde um die deutsche Meisterschaft 1920 qualifiziert hatte, kam es - natürlich des lieben Geldes wegen - zum Krach. Wutentbrannt packte Schaffer seine Koffer und dampfte nach Basel ab. Auch dort gab er nur ein kurzes Gastspiel. Dann tauchte er in München auf.
Der Chefredakteur des „Fussball", nebenbei Präsident von Wacker München, hatte ihn an die Isar gelockt. Aber der Verband machte Schwierigkeiten. Er wollte dem Fußball-Nomaden keine Spielerlaubnis erteilen. Da erschien eines Tages im „Fussball" eine Verlobungsanzeige. Sie verkündete aller Welt, dass sich der ungarische Fußballkönig mit der Schwester des Wacker-Torwarts verlobt habe. Es war ein Bluff. Diese Schwester lebte nur in der Phantasie des Mannes, der die Anzeige aufgegeben hatte.
Aber der Trick erfüllte seinen Zweck. Schaffer durfte für die Blau-Schwarzen spielen. Seine geniale Begabung als Spieler und Lehrmeister trug auch in der bayerischen Metropole bald ihre Früchte. Die Wacker-Elf, von Schaffer meisterhaft geführt, fand zu vielbewunderter Spielkultur, wurde auf Anhieb bayerischer und süddeutscher Meister und zehrte noch Jahre von dem Stil, den er geprägt hatte.
Im Wacker-Dress gewann „Spezi" Schaffer manche Wette, weil er oft genau so viele Tore schoss, wie er vorausgesagt hatte. Und manches dieser Tore war eine Sehenswürdigkeit. Er wirkte oft pomadig und schwerfällig. Aber das schien nur so. In Wahrheit gewann er fast alle Laufduelle, weil er blitzschnell starten konnte und sich nicht um das Leder zu kümmern brauchte. Es folgte ihm wie sein Schatten.
In München gefiel es dem „Spezi" Schaffer. Er wurde umschwärmt wie ein Filmstar und war seines schnurrigen Humors wegen gern gesehen. Er war ein amüsanter Plauderer und konnte köstliche Anekdoten erzählen. Er fühlte sich wohl in der Rolle, die er spielte. Schaffer war nicht eitel und nicht lobgierig. Aber es schmeichelte ihm, im Mittelpunkt zu stehen.
Im Wacker-Dress war er auch der Urheber eines der schönsten Tore, die je beklatscht wurden.
Im Ronhof, dem Platz der Sp. V. Fürth, ging es zwischen den „Kleeblättlern" und den Münchnern um die bayerische Meisterschaft.
Der Platz war Schaffer denkbar unsympathisch. Er hasste ihn, seit er dort einmal um ein Tor geprellt worden war: In einem Derby der alten Fußball-Hochburg Nürnberg-Fürth hatte er eine Flanke von rechts direkt aus der Luft genommen und das Leder mit unvorstellbarer Vehemenz ins Tor geschmettert. Es war noch ein richtiger hölzerner Torkasten, wie sie damals üblich waren. Das Netz hing nicht schlaff über dünnen Eisenstäben, wie es jetzt der Brauch ist. Hinter dem Torrahmen waren vielmehr in einem Abstand von einem Meter sechs hölzerne Pfähle eingerammt und diese durch Maschendraht mit dem Rahmen verbunden. Es war Schaffers Pech, dass der von ihm abgefeuerte Ball einen dieser Stützpfähle traf und der Ball von dort ins Feld zurückkatapultiert wurde. Der Schiedsrichter glaubte indessen, der Ball sei von der Latte abgeprallt und erkannte den Treffer nicht an. Wutentbrannt packte „Spezi" das Leder und verließ das Spielfeld. Es hatte Minuten gedauert, bis man ihn wieder beruhigt und zur Rückkehr bewogen hatte.
In jenem Entscheidungsspiel dann zwischen Fürth und Wacker München stand es eine Viertelstunde vor Schluss noch 2:2, und der Ausgang der Partie war völlig ungewiss. Da erhielt Schaffer in der Nähe der Mittellinie den Ball zugespielt, und nun sah man wieder einmal, wie schnell er in Wirklichkeit war. Im Handumdrehen war er an drei Fürther Abwehrspielern vorbei, und als er in den Strafraum eingedrungen war, rannte ihm Fürths Towartrecke Lohmann mit Riesenschritten entgegen.
Der „Spezi" ließ sich jedoch nicht irritieren. Er stoppte im schärfsten Lauf blitzschnell ab, jonglierte das Leder vom linken auf den rechten Fuß und zog mit einem eleganten Haken am Fürther Schlussmann vorbei. Dadurch geriet er etwas aus der Richtung und landete sieben oder acht Meter vom Kasten entfernt an der Torauslinie. Schaffer verlor durch diese Kursänderung jedoch weder die Ruhe noch den Überblick. Er bremste seinen Lauf, klatschte in die Hände, wartete, bis Wackers Linksaußen herangeeilt war, und schob ihm dann das Leder so präzis zu, dass dieser es nur noch ins leere Tor zu stupsen brauchte.
Seine nie zu stillende Wanderlust trieb Schaffer auch aus München bald wieder fort. Sein unruhiger Geist und sein ungarisches Blut duldeten kein Sesshaftwerden. Der Fußball-Nomade musste neue Gesichter sehen, musste neue Städte kennen lernen, musste auf neuen Bühnen gastieren. Er verkaufte sein Talent in Prag und in Wien, und er verkaufte es überall teuer.
„Bin ich König von Fussball, muss ich, bittaschön, auch bezahlt werden wie Fürst", hieß sein Grundsatz, und an diesem hielt der Spieler-Trainer Schaffer fest, bis für den Fußballstar die Stunde des Abschieds vom grünen Rasen schlug.
Zurück blieb jedoch der Trainer. Auch in dieser Funktion wirkte sich die Kraft seiner Persönlichkeit überall befruchtend aus. Er war kein Schwerarbeiter und spielte lieber Karten, als das Training auch nur um fünf Minuten zu verlängern. Aber der Erfolg ging mit ihm. Seine Schüler hingen an ihm, und wo immer er säte, gab es eine reiche Ernte.
Seinen letzten großen Triumph feierte der Mann, dessen Schicksal der Fussball war, in Rom. Dorthin hatte ihn ein fürstliches Angebot gelockt, nachdem er den Nürnberger „Club" ein zweites Mal, diesmal allerdings nicht im Zorn, verlassen hatte. 1941 steuerte er AS Roma zur Meisterschaft. Es war das erste Mal, dass der Titel in Italiens Metropole fiel. Es ist bis zum heutigen Tag auch das einzige Mal geblieben.
Die Kriegswirren zwangen Alfred Schaffer, wieder auf die Wanderschaft zu gehen. Er kehrte dorthin zurück, wo der lebenslustige Bohemien am liebsten gelebt hatte, nach München. Als aber auch dort ganze Straßenzüge vom Bombenhagel zerstört wurden, suchte er in Prien am Chiemsee Zuflucht. Dort starb er, einsam, wenige Monate nach Kriegsende, und dort trug man ihn auch zu Grabe.
Wer seine letzte Ruhestätte besuchen will, muss lange suchen, bis er sie findet. Wind und Regen haben den Namen Alfred Schaffer auf seinem Grabstein fast ausgelöscht. In der Fußball-Geschichte lebt jedoch die Erinnerung an den Mann fort, der Ballkünstler und Scharfschütze, Einfädler und Torjäger war, und den man den ungarischen Fußballkönig nannte.